Warum Londons neuer Bürgermeister so ein gutes Omen für das britische Referendum ist

  
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Khan

London hat gewählt. Seit dem 09. Mai 2016 heißt der neue Bürgermeister Sadiq Khan. Er ist Moslem, Sohn eines pakistanischen Einwanderers, der als Busfahrer sein Geld auf Londons Straßen verdient hat. Aufgewachsen ist er mit sieben Geschwistern in einer Sozialwohnung in London. Dort ging er auf eine staatliche Schule, dort hat er studiert.

Es gibt vier Gründe, warum die Wahl von Sadiq Khan ein gutes Omen für das Referendum zum Verbleib der Briten in der Europäischen Union am 23. Juni ist.

Erstens hat sich Londons neuer Bürgermeister von Anfang an sehr klar für einen Verbleib Londons und Großbritanniens in der Europäischen Union ausgesprochen. Damit stand er im eindeutigen Gegensatz zu seinem einzigen ernsthaften Konkurrenten, dem Konservativen Zac Goldsmith. Dieser ist nicht irgendein Millionenerbe Großbritanniens. Er ist der Sohn des Gründers und Geldgebers der britischen Referendumspartei, dem Vorläufer von UKIP. Insofern hat er sich natürlich für einen Austritt der Briten aus der Union ausgesprochen. Es war also allen Londonern sehr klar, wofür beide Kandidaten stehen. Und für London ist der Verbleib in der Europäischen Union von überragendem strategischem und ökonomischem Interesse. Ein Austritt aus der Europäischen Union dürfte insbesondere auch London hart treffen. Insofern kann man auch nur mit dem Kopf schütteln, dass der bisherige Bürgermeister, Boris Johnson, für einen Austritt Londons und Großbritanniens aus der Union wirbt. Hat man je einen Bürgermeister einer Weltstadt sich so gegen die Interessen seiner eigenen Stadt positionieren sehen?

Zweitens sendet die Wahl eines Moslems aus so genannten einfachen Verhältnissen eine wichtige Botschaft in die ganze Welt. Sie heisst: Du kannst es schaffen! Du kannst es selbst in einem durch und durch christlich geprägten Europa schaffen! Du kannst sozialen Aufstieg erreichen und politische Spitzenämter in der Europäischen Union stehen dir offen. Auch als Moslem. Auch als Sohn eines pakistanischen Einwanderers. Auch als Sohn eines Busfahrers. Worauf es ankommt, ist ein anständiger Charakter, Lernen und Fleiß. Und natürlich sind für Spitzenämter in der Politik auch Führungsstärke und eine gewisse Intelligenz eine Grundvoraussetzung. Aber das gilt für alle anderen Bürger genauso. Die Botschaft aus London dieser Tage ist, es gibt keine Diskriminierung aufgrund des Glaubens oder der Herkunft. Das ist in Zeiten des islamistischen Terrorismus ein ungeheuer wichtiges Signal an alle muslimischen Immigranten in Europa, – auch an die in der Pariser Banlieue und an die in den letzten Winkeln von Brüssel-Molenbeek. Das ist, wenn man so will, ein europäischer Traum. In seiner symbolischen Strahlkraft steht die Wahl Sadiq Khans als Bürgermeister einer der großartigsten Städte der Welt, der Wahl eines schwarzen amerikanischen Präsidenten und eines lateinamerikanischen Papstes nicht sehr nach.

Drittens ist die Wahl ein bedeutendes Zeichen europäischer Werte. Seit der europäischen Aufklärung ist Toleranz ein zentraler Wert für Europa. Man denke nur an den „Brief über Toleranz“ von John Locke, den er 1685 im niederländischen Exil in Amsterdam schrieb. Heute muss niemand mehr aus England oder aus der Europäischen Union aufgrund seiner religiösen oder politischen Überzeugungen ins Exil fliehen. Nach einem schrecklichen 20. Jahrhundert gehört die Toleranz nun zu den Kernwerten der Europäischen Union und ihrer rund 500 Millionen Bürger. Heute stehen politische Spitzenämter allen offen – unabhängig vom ganz persönlichen Glauben. Das ist eine großartige Errungenschaft. Dies gilt umso mehr als Zac Goldsmith zum Schluss eine schmutzige Wahlkampagne betrieb. Er scheute sich nicht, Bilder des islamistisch motivierten Londoner Attentats vom 07. Juli 2005 für seine persönlichen politischen Ambitionen zu gebrauchen – und damit zu missbrauchen. Er hat dafür bekommen, was er verdient: Verlieren in Schande.

Viertens ist die Wahl von Sadiq Khan auch eine Botschaft der sozialen Gerechtigkeit, einem Kernwert der britischen Labour Partei wie der Europäischen Union. Sein Wahlprogramm, Mieten für alle Londoner erschwinglich zu halten und die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr nicht noch mehr steigen zu lassen, war ein Wahlprogramm der sozialen Gerechtigkeit. Es ist eine Absage an das London der Millionenerben, der Preissteigerungen durch Oligarchen und dubiose internationale Investoren. Eine Absage auch an das London mit der City of London im Herzen, einer großen Spinne im Netz der globalen Steueroasen. Eine Absage an eine Welt, die aufgrund ihrer Ungleichheit immer mehr auseinander zu driften droht. Es ist die Botschaft, London für alle Londoner attraktiv und sozial gerecht zu halten.

Aber Vorsicht! London ist für manche Teile Englands so wenig repräsentativ wie New York es für den mittleren Westen ist. Bis zum Referendum am 23. Juni sind es noch gut sechs Wochen. Mit der Wahl ihres neuen Bürgermeisters haben die Londoner ein großartiges Zeichen der Weltoffenheit und der Toleranz für ihre Stadt gesetzt. Wer London kennt, weiß, wie sehr das diese pulsierende Weltmetropole widerspiegelt. Nun kommt es darauf an, dass die Briten diesen Wert erkennen und dem Beispiel der Londoner am 23. Juni folgen und für den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union stimmen. Ein Verbleib der Briten in der Union wird alle Bürger der Europäischen Union gemeinsam stärken. Ein Brexit hingegen ist schlecht für Großbritannien, schlecht für Europa und schlecht für den Westen.

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